Rede Frauenstreik

Liebe Frauen!
Heute Morgen war ich in Bern. Dort haben die Verkäuferinnen in der Innenstadt eine Protestpause eingelegt. Sie haben ihren Arbeitsplatz verlassen, sind raus auf die Strasse – und haben sich gemeinsam mit vielen anderen für ihre Rechte, für mehr Lohn, für mehr Respekt eingesetzt. Das Erlebnis hat mich tief beeindruckt. Es braucht Mut, nicht nur die Faust im Sack zu machen sondern hinzustehen und allen klar zu machen: Wir sind viele! Und wir sind wütend!
Warum wir wütend sind? Wir sind wütend, weil die Gleichstellung im Schneckentempo voran ruckelt. 1991, heute vor 27 Jahren, hat meine Mutter am letzten Frauenstreik teilgenommen. Sie ging für die gleichen Forderungen auf die Strasse wie ich heute. Damals wie heute attackierten reaktionäre Politiker die Frauenrechte. Abtreibungen wurden und werden auch heute wieder kriminalisiert, Sexismus ist an der Tagesordnung und von Lohngleichheit können meine Mutter und ich bis heute nur träumen.
Darum sind wir wütend. Wir sind wütend, weil die Arbeit der Frauen nicht anerkannt ist. Und weil Beruf und Privatleben nur mit grosser Mühe unter einen Hut zu bringen sind. Dabei nimmt die Produktivität in der Schweiz ständig zu. Wir arbeiten mehr und mehr; der Druck wird immer grösser. Dabei sind wir es, wir Frauen, die jeden Tag dafür sorgen, dass es uns allen so gut geht. Denn nebst unserem Job, sind es immer noch vor allem wir Frauen, die am Abend spät oder am Wochenende die Haus- und Betreuungsarbeit leisten. Die gestern veröffentlichte Unicef-Studie zeigt: Die Schweiz ist das familienunfreundlichste Land! Hier sind Familien schlechter dran als in Staaten wie Rumänien. Dabei wäre das nötige Geld doch wirklich vorhanden. Doch die Schweizer Männer an der Macht retten lieber Banken, als dass sie einen Elternurlaub oder ausreichend Kitaplätze schaffen. Das muss sich ändern!
Wir wollen mehr Lohn!
Ob am Arbeitsplatz, in der Lehre oder im Haushalt: Unsere Arbeit muss besser und fair bezahlt werden. Unsere Löhne müssen ein gutes Leben ermöglichen. Das haben wir verdient. Nicht Tieflöhne und prekäre Arbeitsbedingungen, nur weil wir Frauen sind. Warum sind in Branchen, in denen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, die Löhne heute tiefer als in sogenannten «Männerberufen»? Leisten die Männer etwa so viel mehr? Hat ihr Tag 36 statt 24 Stunden? Nein! Auch Frauenberufe sind oft körperlich und seelisch anstrengend. Ich selbst komme aus der Pflege; ich weiss, von was ich spreche. Kaum eine meiner ehemaligen Kolleginnen arbeitet 100%. Der Job ist schlicht zu anstrengend für ein volles Pensum. Arbeitet Frau doch 100%, geht es zu Lasten der physischen und psychischen Gesundheit. Das muss sich ändern!

Wir wollen mehr Zeit!
Zeit, um Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Zeit, für Weiterbildung und berufliche Perspektiven. Zeit für uns selbst! Wir wollen keine teuren Krippenplätze, zu lange und viel zu unflexible Arbeitszeiten oder keine Möglichkeit, Teilzeit arbeiten zu können. Das bringt uns nicht weiter, sondern hindert uns! Aber die Unternehmen besetzen Kaderstellen lieber mit Männern, statt Massnahmen zu treffen, die uns Beruf und Familie besser vereinbaren lassen und somit unsere Karrierechancen wirklich verbessern. Schichtarbeit, Arbeit auf Abruf, Kleinstpensen und tiefe Stundenlöhne sind für viele von uns Realität. Prekarität ist weiblich. Das muss sich ändern!
Wir wollen Respekt!
Wie oft hören wir den Satz «Ach, die ist nur Hausfrau.» Oder wie sich vor allem Männer despektierlich über Verkäuferinnen, Reinigungsangestellte oder Servicepersonal auslassen. Dabei verdient jede Arbeit den gleichen Respekt. Punkt. Doch bis heute wird die Arbeit von Frauen, werden arbeitende Frauen weniger ernst genommen. Verkäuferinnen, Pflegeangestellte oder Reinigungsangestellte werden beschimpft, angemacht oder respektlos behandelt. Letzte Woche hat eine Schlagzeile die Runde gemacht: Jede zweite Journalistin wird im Job belästigt. Jede zweite! Dabei wäre schon eine zu viel! Aber ob Journalistinnen, Serviceangestellte, Verkäuferinnen oder Pflegende: Für alle Frauen gehört sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zum Alltag. Das muss sich ändern! Wir verlangen Null-Toleranz gegenüber Sexismus und sexueller Belästigung. Das ist keine politische Forderung sondern das absolute Minimum.
Der heutige Frauenstreik zeigt: Wir haben die Nase gestrichen voll! Hundertausende von uns sind heute auf den Strassen und in den Betrieben und sagen Stopp! Wir sagen Stopp zu Sexismus, Stopp zu Lohndiskriminierung, Stopp zu prekären Arbeitsbedingungen. Wir wollen Respekt! Mehr Lohn! Mehr Zeit! Nicht übermorgen. Nicht morgen. Sondern heute!
Und in 27 Jahren werden wir gemeinsam mit unseren Töchtern auf den heutigen Tag zurückschauen und uns sagen: Damals hat es angefangen. Damals haben wir eine Bewegung losgetreten, wie sie die Schweiz noch nie gesehen hat. Denn eins ist gewiss: Geht es nicht subito vorwärts, kommen wir wieder. Bis wir die Gleichberechtigung endlich erreicht haben. Uniti siamo forti!

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