Nähe auf Distanz

Ein kleines Virus bringt die Welt zum Stillstand. Es zwingt uns, zu Hause zu bleiben, herunter zu fahren, zu entschleunigen. Bundesrat Alain Berset appelliert seit Wochen an unsere Demut und Bescheidenheit. Die Prioritäten verschieben sich. Plötzlich ist das, was mich noch vor einem Monat stark beschäftigte, in den Hintergrund gerückt. Die Highlightes der Woche sind kurze Spaziergänge an der Sonne und die Ankunft der Lieferung mit frischem Gemüse aus der Region. Im sonst mit Unterhaltungsangeboten, Sitzungen und Fitnessclubbesuchen vollgestopften Kalender, herrscht gähnende Leere. In Zeiten des Überflusses ist nicht mehr alles vorhanden.
Als ich neulich einen Flammkuchen zubereiten wollte, stand ich beim Einkaufen vor einem leeren Teigregal. Noch vor einem Monat war schon nur das Fehlen eines solchen Produktes unvorstellbar und hätte mich wohl für einen kurzen Moment geärgert. Jetzt löste es höchstens ein kurzes Schulterzucken aus. Kein Drama, die Zutaten habe ich noch zu Hause. Beim Kneten des Teigs wurde mir bewusst: Nach dem anfänglichen Schock und der Angst beginne ich die Zeit auch etwas zu geniessen. Sofort kam dabei der Gedanke, ob das jetzt vermessen ist, angesichts des grossen Leids das Corona hervorruft. Ich gehöre zu einer privilegierten Gruppe. Ich bin gesund und kann von zu Hause arbeiten. Ich habe ein schönes Daheim. Mein Job ist nicht gefährdet und ich erhalte meinen Lohn auch in Zukunft pünktlich. Meine Eltern gehören zwar der Risikogruppe an und sind zu weit weg als dass ich für sie einkaufen könnte. Aber sie sind derzeit nicht akut gefährdet und können sich Hilfe selbst organisieren. Während ich dem Teig beim Aufgehen zusah, kam ich zum Schluss, dass diese Erkenntnis wichtig ist und ich mich nicht mit einem schlechten Gewissen selbstkasteien muss. Sofern ich aus der Situation etwas für die Zukunft lerne. So will ich mir auch nach Corona mehr Zeit dafür zu nehmen was mir wichtig ist: Meine sozialen Kontakte pflegen, den Gedanken nachhangen, die Sonne geniessen, ein tolles Konzert besuchen.
Die Corona-Krise stellt uns vor eine riesige Herausforderung. Die Nachwirkungen werden wir weltweit noch sehr lange spüren. Ich bin aber überzeugt, dass wir trotz allen Entbehrungen und Verlusten gestärkt aus dieser Krise gehen werden. Die Solidarität und die Kreativität die sich in den letzten Wochen entwickelt haben, sind enorm. Trotz der Distanz sind wir als Gesellschaft zusammengerückt. Ich hoffe, dass wir uns nach überstandener Krise daran erinnern werden. Daran was es bedeutet, wenn die Kinderbetreuung nicht mehr sichergestellt ist. Daran, was es auslöst, vielleicht keinen Platz im Spital zu haben. Daran was es heisst, im Supermarkt vor leeren Regalen zu stehen. Lernen wir die Entschleunigung zu schätzen! Leben wir die Solidarität weiter! Behalten wir die Nähe auch dann, wenn wir uns wieder umarmen dürfen.

Erschienen im Bieler Tagblatt am 6.4.2020

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